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FHIR & Interoperabilität · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 11.09.2026 · 131 Aufrufe

Stellen Sie sich einen Bahnhof vor, an dem jeder eine andere Sprache spricht – so funktioniert FHIR 🔥

In einem Beitrag vor einen Tagen habe ich das „Chinesische Zimmer“ genutzt, um zu erklären, warum ein Large Language Model überzeugende Antworten produzieren kann, ohne dass daraus automatisch menschliches Verständnis folgt. Für HL7 FHIR funktioniert ein ähnlich einfaches Gedankenexperiment. Stellen Sie sich diesmal einen großen internationalen Bahnhof vor.

Tausende Menschen kommen dort jeden Tag an. Züge fahren ein und aus, Reisende steigen um, Gepäck wird weitergeleitet und Informationen müssen zwischen Bahngesellschaften, Stellwerken, Bahnsteigen und Reisenden ausgetauscht werden. Eigentlich funktioniert das erstaunlich gut – solange alle Beteiligten verstehen, was die anderen meinen.

Nun verändern wir eine Kleinigkeit: Jede Bahngesellschaft entwickelt ihre eigene Sprache.

Die eine nennt Gleis 7 „Track-07“, eine andere „Platform G“ und die nächste speichert dieselbe Information intern als „Location 4711“. Bei der Abfahrtszeit sieht es ähnlich aus. Manche Systeme schreiben 07:30 Uhr, andere 7.30 AM und ein drittes speichert lediglich die Zahl 450. Selbst der Name eines Reisenden wird unterschiedlich abgelegt: einmal als vollständiger Name in einem Feld, einmal getrennt nach Vor- und Nachname und beim nächsten Anbieter in einer völlig anderen Struktur.

Menschen könnten vieles davon noch interpretieren. Für Computer wird es schwierig.

Und ungefähr so sieht Gesundheits-IT seit Jahrzehnten aus.

Das Problem ist nicht, dass wir zu wenige Daten haben

Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen und andere Einrichtungen erzeugen jeden Tag enorme Mengen an Informationen. Vitalparameter werden erfasst, Medikamente verordnet und verabreicht, Diagnosen dokumentiert, Assessments durchgeführt, Laborwerte bestimmt und Pflegeinterventionen geplant.

Das Problem besteht nicht darin, dass diese Informationen nicht digital vorhanden wären. Das Problem ist, dass unterschiedliche Systeme dieselben Informationen häufig unterschiedlich beschreiben, strukturieren und transportieren.

Ein Blutdruck kann beispielsweise in einem System Bestandteil einer Pflegedokumentation sein, in einem anderen als einzelner Messwert gespeichert werden und in einem dritten innerhalb eines proprietären Datenmodells liegen. Für eine Pflegefachkraft ist trotzdem sofort klar: 135/80 mmHg ist ein Blutdruck.

Ein Computer benötigt dafür deutlich mehr Eindeutigkeit.

Er muss wissen, dass es sich um eine Blutdruckmessung handelt, welcher Wert systolisch und welcher diastolisch ist, welche Einheit verwendet wurde, wann die Messung stattgefunden hat, zu welchem Patienten sie gehört und möglicherweise auch, unter welchen Bedingungen sie erhoben wurde.

Genau hier beginnt die eigentliche Bedeutung von HL7 FHIR.

FHIR steht für Fast Healthcare Interoperability Resources und wird von HL7 entwickelt. Vereinfacht gesagt stellt FHIR Bausteine und Regeln bereit, mit denen Gesundheitsinformationen strukturiert beschrieben und zwischen Systemen ausgetauscht werden können.

Der entscheidende Begriff dabei lautet Resource.

Zurück zu unserem Bahnhof

Stellen wir uns vor, die Betreiber unseres chaotischen internationalen Bahnhofs einigen sich auf eine gemeinsame Beschreibung wichtiger Dinge.

Ein Reisender wird künftig immer nach einem vereinbarten Schema beschrieben. Eine Zugverbindung ebenfalls. Dasselbe gilt für Abfahrtszeit, Bahnhof, Ticket oder Gepäckstück.

Die einzelnen Bahngesellschaften dürfen weiterhin unterschiedliche Softwaresysteme verwenden. Sie müssen nicht dieselbe Datenbank kaufen und auch ihre Benutzeroberflächen müssen nicht identisch aussehen.

Sie einigen sich lediglich darauf, wie bestimmte Informationen beschrieben und ausgetauscht werden.

Genau diese Idee steckt hinter FHIR.

FHIR zerlegt Gesundheitsinformationen in standardisierte Bausteine, sogenannte Resources. Es gibt beispielsweise Ressourcen für einen Patienten, eine Beobachtung, eine Medikation, eine Diagnose oder einen Behandlungsfall. Diese Ressourcen besitzen definierte Strukturen und können miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Damit entsteht etwas Entscheidendes: Zwei Systeme müssen intern nicht gleich funktionieren, um Informationen miteinander austauschen zu können.

Das Krankenhaus kann sein Krankenhausinformationssystem behalten, die Pflegeeinrichtung ihre Pflegesoftware und die Arztpraxis ihr Praxisverwaltungssystem. Entscheidend ist, dass sie sich beim Austausch darauf verständigen können, welche Information gerade übertragen wird und wie diese strukturiert ist.

FHIR ist deshalb mehr als eine moderne Schnittstelle

In Digitalisierungsprojekten hört man häufig den Satz: „Das System hat eine FHIR-Schnittstelle.“

Das klingt beruhigend. Es sagt allein aber noch erstaunlich wenig aus.

FHIR ist kein einzelner Stecker, den man an zwei Anwendungen anschließt und anschließend verstehen sich beide Systeme automatisch. Der Standard bietet vielmehr ein gemeinsames Modell und technische Mechanismen für den Austausch von Gesundheitsinformationen. Damit Systeme tatsächlich interoperabel werden, muss zusätzlich geklärt werden, welche Ressourcen und Profile verwendet werden, welche Felder verpflichtend sind und welche Terminologien oder Codes bestimmte Inhalte eindeutig beschreiben.

Unser Bahnhof braucht schließlich nicht nur das gemeinsame Wort „Zug“. Er muss sich auch darüber verständigen, was Zugnummer, Abfahrtszeit, Zielbahnhof und Gleis bedeuten und in welchem Format diese Informationen übermittelt werden.

Genau deshalb sind FHIR-Profile so wichtig. Sie schränken die grundsätzlich flexiblen FHIR-Ressourcen für konkrete Anwendungsfälle ein und legen genauer fest, wie eine Information in einem bestimmten Kontext verwendet werden soll.

FHIR liefert also gewissermaßen Grammatik und Grundwortschatz. Profile sorgen dafür, dass sich alle Beteiligten bei einem konkreten Anwendungsfall tatsächlich auf dieselbe Ausdrucksweise einigen.

Und jetzt nehmen wir eine Pflegefachkraft in unseren Bahnhof

Eine Patientin wird aus dem Krankenhaus in eine Kurzzeitpflege entlassen. Während des Krankenhausaufenthalts wurden ein erhöhtes Sturzrisiko, eingeschränkte Mobilität, Unterstützungsbedarf bei der Körperpflege und eine beginnende kognitive Veränderung dokumentiert.

Für die Pflegefachkraft in der Kurzzeitpflege sind diese Informationen enorm wertvoll.

Heute passiert an solchen Übergängen allerdings häufig etwas Merkwürdiges: Die Informationen existieren zwar digital, erreichen die nächste Einrichtung aber als PDF, Ausdruck, Freitext oder werden erneut erhoben.

Digital betrachtet entspricht das ungefähr unserem Bahnhof, an dem ein Reisender sein Gepäck beim Umsteigen abholen, auspacken und anschließend jedes einzelne Kleidungsstück bei der nächsten Bahngesellschaft neu registrieren lassen müsste.

Das ist digital – aber nicht interoperabel.

Mit strukturierten, interoperablen Informationen könnte derselbe Übergang anders aussehen. Relevante Informationen könnten maschinenlesbar übertragen und vom empfangenden System weiterverarbeitet werden. Die Pflegefachkraft müsste dann nicht Informationen aus einem PDF suchen und anschließend erneut in Felder übertragen. Das System könnte bereits erkennen, welche Informationen vorhanden sind und sie im neuen Versorgungskontext verfügbar machen.

Genau darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung von FHIR für die Pflege.

Die Pflege braucht FHIR nicht wegen der Technik

Pflegefachkräfte müssen deshalb nicht anfangen, FHIR-Ressourcen zu programmieren oder APIs zu entwickeln.

Sie sollten aber verstehen, warum strukturierte und interoperable Informationen für ihre Arbeit entscheidend sind.

Denn viele Probleme, die heute als Dokumentationsprobleme wahrgenommen werden, sind eigentlich Informationsprobleme. Pflegefachkräfte dokumentieren Informationen mehrfach, weil Systeme sie nicht weiterverwenden können. Sie suchen Daten in verschiedenen Anwendungen, weil Informationen nicht zusammengeführt werden. Sie übertragen Werte manuell, weil Anwendungen zwar digital sind, aber nicht dieselbe Sprache sprechen.

Interoperabilität ist deshalb kein abstraktes IT-Thema.

Sie entscheidet darüber, ob Digitalisierung Arbeit reduziert oder neue Arbeit erzeugt.

Gerade mit Blick auf den zunehmenden Digital Burden wird das relevant. Wenn ein neues digitales System eingeführt wird, das vorhandene Informationen nicht übernehmen kann, entsteht möglicherweise keine Digitalisierung des Prozesses, sondern lediglich eine weitere digitale Arbeitsstation.

FHIR kann dieses Problem nicht allein lösen. Aber ohne eine gemeinsame Struktur für Informationen lässt es sich kaum lösen.

Mit KI wird eine gemeinsame Sprache noch wichtiger

Interessanterweise bekommt FHIR durch den aktuellen KI-Boom noch einmal eine völlig neue Bedeutung.

Large Language Models sind hervorragend darin, unstrukturierte Sprache zu verarbeiten. Deshalb könnte man auf die Idee kommen, strukturierte Daten würden künftig weniger wichtig. Vielleicht liest die KI einfach Arztbriefe, Pflegeberichte und Freitexte und findet selbst heraus, was relevant ist.

Das wäre allerdings ein gefährlicher Kurzschluss.

Gerade wenn KI-Systeme klinische Informationen verarbeiten sollen, brauchen wir möglichst eindeutige Daten und Kontext. Ein Wert von „120“ bedeutet ohne weitere Information fast nichts. Sind es 120 Milligramm? 120 Milliliter? Eine Herzfrequenz von 120? Ein systolischer Blutdruck? Eine Dosierung?

Ein Mensch kann vieles aus dem Kontext erschließen. Eine KI kann das ebenfalls versuchen. Aber genau dieses „Versuchen“ wollen wir bei klinisch relevanten Informationen möglichst reduzieren.

FHIR kann deshalb zu einer wichtigen Grundlage für KI-gestützte Gesundheitsversorgung werden: Nicht weil FHIR künstliche Intelligenz enthält, sondern weil es Informationen so strukturiert verfügbar machen kann, dass Systeme weniger interpretieren müssen.

Man könnte es so formulieren:

Je intelligenter unsere Anwendungen werden, desto weniger sollten wir sie darüber raten lassen, was unsere Daten eigentlich bedeuten.

Die eigentliche Revolution von FHIR ist deshalb ziemlich unspektakulär

FHIR sieht auf den ersten Blick nicht besonders revolutionär aus. Es gibt keine Roboter, keine spektakulären KI-Demonstrationen und keine futuristischen Benutzeroberflächen.

Es geht um Datenstrukturen, Ressourcen, Profile, Terminologien und Schnittstellen.

Und trotzdem könnte genau diese unsichtbare Infrastruktur langfristig entscheidender für die Digitalisierung der Pflege sein als viele Anwendungen, über die wir heute deutlich häufiger sprechen.

Denn digitale Versorgung funktioniert nur dann wirklich, wenn Informationen nicht an den Grenzen eines Systems enden.

Der Blutdruck muss ein Blutdruck bleiben, wenn der Patient das Krankenhaus verlässt. Ein Sturzrisiko darf seine Bedeutung nicht verlieren, weil eine andere Software verwendet wird. Eine Medikation sollte nicht erneut abgetippt werden müssen, nur weil der Versorgungskontext wechselt.

Unser internationaler Bahnhof funktioniert schließlich auch nicht deshalb, weil alle Bahngesellschaften dieselbe Software benutzen.

Er funktioniert, weil sich alle Beteiligten auf genügend gemeinsame Regeln verständigt haben, damit Menschen, Züge und Informationen ihr Ziel erreichen.

Vielleicht ist das die einfachste Erklärung für FHIR:

FHIR versucht nicht, alle Gesundheits-IT-Systeme gleich zu machen. FHIR versucht, ihnen eine gemeinsame Sprache für Gesundheitsinformationen zu geben.

Und genau deshalb ist FHIR kein Thema, das Pflegefachkräfte der IT-Abteilung überlassen sollten. Denn am Ende geht es nicht um Schnittstellen.

Es geht darum, ob pflegerische Informationen dort ankommen, wo sie gebraucht werden – ohne dass eine Pflegefachkraft sie jedes Mal neu übersetzen muss.

Wie erlebt ihr das in euren Einrichtungen? Können digitale Informationen tatsächlich weiterverwendet werden – oder beginnt beim Wechsel des Systems die Dokumentation noch immer von vorne?

fhirzug

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

FHIR, HL7 FHIR, Interoperabilität, Pflegeinformatik, Digitale Pflege, Strukturierte Daten

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