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Digitale Pflegeprozesse · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 09.09.2026 · 158 Aufrufe

Pflege neu rechnen: Warum wir neben dem Skill-Mix einen Technology-Mix brauchen

Der Fachkräftemangel zwingt die Pflege zu einer Diskussion, die weit über Personalbemessung und Rekrutierung hinausgeht. Wenn pflegefachliche Kompetenz zur knappsten Ressource des Versorgungssystems wird, reicht es nicht mehr, bestehende Arbeit lediglich auf unterschiedliche Qualifikationen zu verteilen. Wir müssen grundsätzlicher fragen: Welche Versorgung wollen und müssen wir sicherstellen – und welche Kombination aus Menschen, Kompetenzen und Technologie brauchen wir dafür?

Die Diskussion über die Zukunft der Pflege beginnt erstaunlich häufig mit einer Zahl. Wie viele Pflegefachkräfte brauchen wir für eine bestimmte Zahl von Patient:innen oder Bewohner:innen? Wie viele Stellen fehlen? Wie hoch muss die Fachkraftquote sein? Wie können wir zusätzliche Mitarbeitende gewinnen? Diese Fragen sind wichtig und werden uns weiter beschäftigen. Sie haben allerdings einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Wir betrachten das bestehende Versorgungsmodell als weitgehend gegeben und versuchen anschließend, genügend Menschen zu finden, um es aufrechtzuerhalten.

Angesichts der demografischen Entwicklung und eines gleichzeitig steigenden Versorgungsbedarfs wird diese Logik zunehmend an ihre Grenzen kommen. Wir können international rekrutieren, Ausbildungskapazitäten erhöhen, Arbeitsbedingungen verbessern und Pflegefachpersonen länger im Beruf halten. All das ist notwendig. Trotzdem sollten wir uns mit einer zweiten Frage beschäftigen: Müssen wir die Versorgung der Zukunft tatsächlich mit denselben Prozessen und derselben Arbeitsteilung organisieren wie heute?

Nicht mit dem Personal anfangen, sondern mit der Versorgung

Vielleicht müssen wir die Rechnung umdrehen. Statt zuerst zu fragen, wie viele Pflegekräfte für eine bestimmte Anzahl von Patient:innen benötigt werden, sollten wir mit einer anderen Frage beginnen: Welche Versorgung wollen und müssen wir für diese Menschen sicherstellen?

Nehmen wir als einfaches Beispiel ein Pflegeheim mit 80 Bewohner:innen während der Nacht. Die klassische Betrachtung beginnt schnell bei der Personalbesetzung. Wie viele Mitarbeitende müssen nachts anwesend sein und welche Qualifikationen benötigen sie? Beginnen wir stattdessen beim Versorgungsbedarf, entsteht zunächst ein anderes Bild. Menschen müssen bei Bedarf Unterstützung erhalten, notwendige pflegerische Maßnahmen müssen zuverlässig durchgeführt werden, kritische Veränderungen des Gesundheitszustands dürfen nicht übersehen werden, sturzgefährdete Bewohner:innen benötigen Sicherheit und im Notfall muss pflegefachliche Kompetenz verfügbar sein. Gleichzeitig sollen Menschen nachts möglichst ungestört schlafen können.

Erst nachdem diese Anforderungen beschrieben sind, müsste eigentlich die Frage nach den dafür erforderlichen Ressourcen folgen. Welche dieser Leistungen benötigen zwingend eine Pflegefachperson? Welche können Pflegeassistenzkräfte oder andere Berufsgruppen übernehmen? Welche Beobachtungs- oder Informationsaufgaben können Sensorik und intelligente Assistenzsysteme unterstützen? Welche Informationen können automatisiert zusammengeführt werden? Wo könnte Telepflege zusätzliche pflegefachliche Kompetenz verfügbar machen? Und welche Routineaufgaben könnten perspektivisch durch KI unterstützt oder vollständig automatisiert werden?

Damit verändert sich die Rechnung grundlegend. Aus „80 Bewohner:innen gleich X Pflegekräfte plus zusätzlich etwas Technik“ wird: „80 individuelle Versorgungsbedarfe gleich eine definierte Menge notwendiger Leistungen, erbracht durch den passenden Mix aus pflegefachlicher Kompetenz, Pflegeassistenz, weiteren Professionen und Technologie.“

Vom Skill-Grade-Mix zum Skill-Technology-Mix

Über den Skill-Grade-Mix wird in der Pflege seit Jahren diskutiert. Dahinter steht eine wichtige und richtige Frage: Welche Tätigkeit benötigt welche Qualifikation? Muss jede Aufgabe von einer dreijährig ausgebildeten Pflegefachperson übernommen werden oder können bestimmte Tätigkeiten durch anders qualifizierte Mitarbeitende erbracht werden?

Die zunehmenden technologischen Möglichkeiten erweitern diese Diskussion jedoch um eine entscheidende Dimension. Bevor wir fragen, welcher Mensch eine Tätigkeit übernehmen sollte, müssen wir zunehmend auch fragen, ob diese Tätigkeit überhaupt noch von einem Menschen übernommen werden muss.

Ich würde deshalb den bisherigen Skill-Grade-Mix um einen Skill-Technology-Mix erweitern. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Pflegefachkräfte durch Technologie zu ersetzen. Es geht darum, einzelne Tätigkeiten neu zu verteilen. Der Unterschied ist entscheidend.

Ein Sensor ersetzt keine Pflegefachkraft. Er kann aber eine Beobachtungsaufgabe übernehmen. Ein Sprachsystem ersetzt keine pflegefachliche Einschätzung. Es kann aber verhindern, dass Informationen anschließend zeitaufwendig in eine Dokumentationsmaske übertragen werden müssen. Eine KI ersetzt keine pflegefachliche Entscheidung. Sie kann aber Informationen aus verschiedenen Quellen zusammentragen, priorisieren und für diese Entscheidung vorbereiten. Interoperable IT-Systeme ersetzen ebenfalls keine Pflegefachperson. Sie können jedoch verhindern, dass Pflegefachkräfte selbst zur menschlichen Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Systemen werden.

Wir ersetzen also nicht Menschen durch Technologie. Wir ersetzen Tätigkeiten durch Technologie – und gewinnen damit menschliche Zeit zurück.

Die Pflegefachkraft als teuerste Schnittstelle des Krankenhauses

Gerade aus Sicht der Pflegeinformatik lohnt sich ein genauer Blick auf den heutigen Arbeitsalltag. Pflegefachpersonen pflegen, beobachten, beraten, kommunizieren und treffen fachliche Entscheidungen. Gleichzeitig suchen sie Informationen, übertragen Daten zwischen Systemen, dokumentieren bereits bekannte Sachverhalte, telefonieren hinter Informationen her, koordinieren Abläufe und gleichen unterschiedliche Informationsstände miteinander ab.

Ein erheblicher Teil dieser Arbeit ist nicht deshalb bei der Pflege gelandet, weil dafür pflegefachliche Kompetenz erforderlich wäre. Er ist dort gelandet, weil unsere Prozesse und Informationssysteme historisch so gewachsen sind. Die Pflegefachkraft funktioniert deshalb in vielen Organisationen als eine Art menschliche Middleware: Sie gleicht das aus, was Prozesse und Systeme nicht miteinander geregelt bekommen.

Wenn pflegefachliche Kompetenz aber tatsächlich eine der knappsten Ressourcen unseres Gesundheitssystems ist, müssen wir uns fragen, ob wir uns diese Form der Arbeitsorganisation noch leisten können. Die zentrale Aufgabe der Digitalisierung wäre dann nicht, diese Informationsarbeit einfach digital abzubilden. Sie müsste dazu beitragen, sie weitgehend verschwinden zu lassen.

Technologie darf kein Add-on mehr sein

In anderen Branchen ist dieser Gedanke längst selbstverständlich. Produktions- und Logistiksysteme werden nicht zunächst ausschließlich über die Zahl verfügbarer Mitarbeitender geplant, um anschließend Maschinen, Robotik und Software als zusätzliche Digitalisierungsprojekte hinzuzufügen. Menschen, Maschinen, Automatisierung und Software bilden gemeinsam das Betriebsmodell.

Natürlich ist ein Krankenhaus keine Autofabrik und ein pflegebedürftiger Mensch kein Werkstück. Pflege lebt von Beziehung, Kommunikation, Beobachtung, situativer Einschätzung und menschlicher Nähe. Genau deshalb sollten wir allerdings besonders sorgfältig überlegen, für welche Aufgaben wir die begrenzte menschliche Ressource einsetzen.

Technologie als Bestandteil des Versorgungsmodells zu verstehen bedeutet deshalb nicht, Pflege zu industrialisieren. Im besten Fall bedeutet es das Gegenteil: Wir automatisieren und technisieren dort, wo menschliche Arbeit keinen zusätzlichen Wert erzeugt, um menschliche Zeit dort verfügbar zu machen, wo sie nicht ersetzbar ist.

Pflegeinformatik wird damit zur Gestaltungsdisziplin

Damit verändert sich auch die Rolle der Pflegeinformatik. Sie darf nicht darauf reduziert werden, Pflegedokumentationssysteme auszuwählen, Anforderungen an Software zu formulieren oder Pflegefachpersonen bei IT-Projekten zu vertreten. Wenn Technologie tatsächlich Bestandteil zukünftiger Versorgungsmodelle wird, muss Pflegeinformatik wesentlich früher ansetzen.

Sie muss gemeinsam mit Pflegepraxis, Management, IT und anderen Professionen beantworten, welche Versorgung erreicht werden soll, welche Prozesse dafür erforderlich sind, welche Informationen benötigt werden und welche Aufgaben Menschen oder Technologie sinnvollerweise übernehmen können. Pflegeinformatik wird damit zu einer Gestaltungsdisziplin an der Schnittstelle von Pflegefachlichkeit, Prozessen, Daten, Organisation und Technologie.

Mit genau diesem erweiterten Verständnis von Pflegeinformatik beschäftige ich mich auch in meinem Buch „Pflegeinformatik“. Mir war dabei wichtig, Pflegeinformatik nicht als Spezialthema für besonders technikaffine Pflegefachkräfte zu beschreiben, sondern als eine Disziplin, die für die zukünftige Gestaltung professioneller Pflege insgesamt an Bedeutung gewinnt. Denn wenn KI, Interoperabilität, Sensorik, Sprachsysteme und neue digitale Versorgungsformen zunehmend Bestandteil des Pflegealltags werden, braucht es Menschen, die sowohl die pflegefachlichen Konsequenzen als auch Prozesse, Daten und Technologie verstehen und miteinander verbinden können.

Genau an diesem Punkt beschäftigt mich das Thema auch als Unternehmer bei nursIT. Das Ziel eines Technologieunternehmens im Gesundheitswesen sollte aus meiner Sicht nicht darin bestehen, möglichst viel Software in ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung zu bringen. Entscheidend muss sein, möglichst viel vermeidbare Arbeit aus der Versorgung herauszubekommen. Ob das durch Sprache, interoperable Daten, Sensorik, Automatisierung oder KI geschieht, ist zunächst zweitrangig. Technologie ist das Mittel, nicht das Ziel.

Vielleicht messen wir Digitalisierung deshalb auch falsch

Wenn wir diesen Gedanken ernst nehmen, müssen wir schließlich auch die Erfolgskriterien unserer Digitalisierungsprojekte verändern. Die Zahl ausgerollter Tablets, installierter Sensoren, eingeführter Anwendungen oder aktivierter KI-Funktionen sagt wenig darüber aus, ob Versorgung tatsächlich besser geworden ist.

Interessanter wäre zu wissen, wie viel pflegefachliche Zeit durch eine Technologie zurückgewonnen wurde. Welche Tätigkeiten sind vollständig weggefallen? Welche zusätzlichen Patient:innen können mit vorhandenen Ressourcen versorgt werden? Verbessern sich Patientensicherheit und Versorgungsqualität? Sinkt die Belastung der Mitarbeitenden? Und vor allem: Können Pflegefachpersonen einen größeren Teil ihrer Arbeitszeit wieder für Tätigkeiten einsetzen, für die ihre fachliche Kompetenz tatsächlich erforderlich ist?

Der Erfolg einer Pflegetechnologie sollte sich deshalb nicht an ihrer Existenz messen, sondern an ihrer Wirkung auf Versorgung.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viele Pflegekräfte brauchen wir?

Die Versorgung der Zukunft wird wahrscheinlich weder ausschließlich durch mehr Personal noch durch mehr Technologie entstehen. Sie wird aus einem intelligenten Zusammenspiel unterschiedlicher Ressourcen bestehen: Pflegefachpersonen, Pflegeassistenz, andere Gesundheitsprofessionen, Angehörige, neue Versorgungsformen, Telepflege, Sensorik, Automatisierung und künstliche Intelligenz.

Die entscheidende Aufgabe besteht darin, diesen Mix für unterschiedliche Versorgungssituationen sinnvoll zu gestalten. Dafür müssen wir den Blick vom Stellenplan auf den tatsächlichen Versorgungsbedarf verschieben.

Vielleicht sollten wir deshalb künftig weniger fragen, wie viel Technologie sich die Pflege leisten kann.

Die wesentlich unbequemere Frage lautet:

Wie viel Pflege können wir uns in Zukunft ohne Technologie überhaupt noch leisten?

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Mehr zum Thema: Viele der hier angesprochenen Grundlagen – von digitaler Pflegedokumentation und Interoperabilität über Daten und Standards bis zu KI und der zukünftigen Rolle der Pflegeinformatik – behandle ich ausführlicher in meinem Buch „Pflegeinformatik“.

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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

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